Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen – Geheimhaltung muss an erster Stelle stehen
Besteigen Sie heute mit mir die LH 2824 nach Stuttgart, Fensterplatz ziemlich weit hinten. Auf dem Mittelplatz nimmt Platz: ein Anzugträger mit Weste, gepflegt, Mitte 40. Wir sind noch nicht gestartet, ich schaue gelangweilt aus dem Fenster – da zieht der Nebenmann ein Dokument DIN A 4 aus der Tasche. Er klappt das Tischchen herunter und fängt an zu lesen. Ich schaue. VERTRAG steht in großen Lettern auf dem Papier. Das regt mein Interesse, ich kann nicht anders: Das Papier, offenbar der finale Entwurf vor Unterschrift, fixiert auf vier Seiten die dreimonatige Projektarbeit einer internationalen, sehr bekannten Unternehmensberatung für eine deutsche Landesbank im Süden der Republik.
Der Anzugträger neben mir liest ungestört. Er akzeptiert den Leistungsumfang, macht einen Haken an den Passus mit der Honorarsumme (€ 54.000,-) und auch an alles andere, über das ich schweige. Danach fährt er seinen Laptop hoch, bearbeitet bis zum Landeanflug seine E-Mails. Später google ich seinen Namen. Er ist absolute Führungskraft des Unternehmens: „Guten Tag, Herr Dr. X!“
Drei Tage später, wieder im Flugzeug, wiederholt sich der Irrsinn. Diesmal aber unsere Branche, eine andere Agentur aus Hamburg! Eine sehr von sich überzeugte Seniorberaterin (Fensterplatz) und ihre leicht nervöse Mitarbeiterin (Mittelplatz) bereiten sich intensiv auf verschiedene Verlagsgespräche bei Burda in München vor. Wieder liegt die Agenda auf dem Klapptischchen, auch der Clippingreport aus 2011 wird Seite für Seite besprochen. Es geht um das Thema E., um sehr bekannte Chefredakteure, die im Stundentakt getroffen werden. Der Kunde der Hamburger Agentur fährt ein französisches Auto, er hat viel Anzeigengeld investiert. Die Seniorberaterin ordnet im lauten Dialog mit der Kollegin ihre Wunschthemen den Ressorts zu. Bei der „Elle“ wird es schwierig, aber die Dame findet eine Lösung, wie man das Thema glaubwürdig „platzieren“ kann. Später will sie noch mit der Schwester des sehr bekannten Verlagsmanagers ins „Schumann’s“ gehen, was das offene Gespräch ins Private driften lässt: Nun werden Interna über einen gemeinsamen Ski-Urlaub mit einem bekannten TV-Talkmoderator verbreitet und über die eigene Ehetherapie. Und ich erfahre, sozusagen als Zugabe zu allen Indiskretionen, auf welch unglaubliche Weise sich ein sehr bekannter Tennisspieler seine derzeitige Frau geangelt hat. Früher, bei BILD, hätte ich jetzt die Seite-1-Schlagzeile gehabt.
Erlauben Sie mir diesen Hinweis in eigener Sache: Bei S&L sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angehalten, in öffentlichen Verkehrsmitteln keine Kundenangelegenheiten zu besprechen oder gar zu bearbeiten. Es finden regelmäßig Schulungen statt, unsere interne Datenschutz-Beauftragte ist auf Zack. Der Papiermüll wird durch eine Spezialfirma entsorgt, Passwörter alle sechs Wochen getauscht. Mitarbeiter haben nur eingeschränkte Zugriffsrechte.




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